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Älterer Mann mit Smartphone im Wartebereich einer Hausarztpraxis. Bildheadline: „Kann Telemedizin Hausarztpraxen entlasten?“ AI generiertes Bild.

Kann Telemedizin Versorgungslücken schließen?

„Ich habe Angst, irgendwann keinen Arzt mehr zu finden.“ Der Hausarzt Christoph Nitsche zitiert in seinem Beitrag für FOCUS online einen Patienten, dessen Sorge ihm nachgegangen ist. Er berichtet von älteren und chronisch kranken Menschen, die mehrere Praxen anrufen und überall erfahren, dass niemand neue Patienten aufnimmt.

Wer in dieser Situation ist, muss zunächst eine Praxis finden, die ihn behandelt. Dabei ist gerade bei chronischen Erkrankungen auch die längerfristige Betreuung wichtig: jemand, der die Krankengeschichte kennt, Veränderungen einordnen und die Behandlung begleiten kann.

Nitsches Text vom 3. Oktober 2026 beschreibt Erfahrungen aus dem Praxisalltag und seine Sicht auf die Gesundheitspolitik. Er liefert keine Zahlen darüber, wie verbreitet diese Probleme sind. Seine Schilderung zeigt aber, welche Erwartungen neue Versorgungsangebote erfüllen müssen. Das gilt auch für die Telemedizin.

Was Hausarztpraxen unter Druck setzt

Nitsche beschreibt, wie der Umfang der hausärztlichen Arbeit wächst. Zu akuten Beschwerden kommen Vorsorge, Impfungen, die Betreuung chronisch kranker Menschen und die Abstimmung mit anderen Behandelnden. Für zusätzliche Aufgaben braucht es Personal und Zeit. Knapp gewordene Termine lassen sich aus seiner Sicht nicht allein durch bessere Organisation vermehren.

Zugleich benennt er die wirtschaftliche Unsicherheit der Praxen. Steigende Ausgaben für Personal, Räume und Technik treffen auf begrenzte finanzielle Spielräume. Aus Gesprächen mit Kollegen berichtet er von Zweifeln, ob sich unter den künftigen Bedingungen eine Praxisübernahme oder die Einstellung weiterer Mitarbeitender lohnt.

Nitsche warnt vor den Folgen dieser Entwicklung, spricht aber ausdrücklich nicht von einem bevorstehenden Zusammenbruch. Er fordert ein Gesamtkonzept mit einer klareren Aufgabenverteilung zwischen Hausarztpraxen, Fachärzten, Krankenhäusern, Apotheken und Pflege. Reformen möchte er daran messen, ob Patienten leichter Termine bekommen und ihre Behandlung besser koordiniert wird.

Damit stellt sich auch für digitale Angebote eine konkrete Frage: Welche dieser Schwierigkeiten können sie verringern?

Wo eine Videosprechstunde helfen kann

Telemedizin kann Wege verkürzen. Wer beispielsweise mit seiner Ärztin die weitere Behandlung besprechen möchte, muss dafür unter Umständen nicht in die Praxis fahren. Für einen Menschen mit eingeschränkter Mobilität kann das bedeuten, dass die Organisation einer Fahrt oder einer Begleitung entfällt.

Ob ein Anliegen per Video behandelt werden kann, beurteilen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung nennt die Erläuterung einer weiteren Behandlung als mögliches Einsatzgebiet. Maßgeblich ist, ob der Videokontakt im jeweiligen Fall medizinisch sinnvoll ist.

Eine Videosprechstunde benötigt ebenfalls ärztliche Arbeitszeit. Sie kann vorhandene Kapazitäten räumlich besser zugänglich machen. Ob dadurch insgesamt weniger Aufwand entsteht, hängt vom Behandlungsanlass und der Organisation ab. Ein Gespräch, das eine Fahrt erspart, kann für den Patienten bereits hilfreich sein, auch wenn es für die Praxis genauso lange dauert.

Eine Entlastung von Hausarztpraxen lässt sich daraus noch nicht ableiten. Dafür müsste untersucht werden, welche bisherigen Kontakte ein Angebot ersetzt, welche zusätzlichen Kontakte entstehen und wie viel Zeit Vorbereitung und Nachbetreuung benötigen.

Nach dem Videogespräch muss es weitergehen können

Manche Anliegen lassen sich im Gespräch klären. Bei anderen wird eine Untersuchung vor Ort erforderlich. Deshalb gehört zur Planung eines telemedizinischen Angebots auch die Frage, wie diese weitere Behandlung zustande kommt.

Für die vertragsärztliche Versorgung haben KBV und GKV-Spitzenverband dazu Vorgaben zur Anschlussversorgung vereinbart. Reicht die Videosprechstunde nicht aus, müssen die behandelnden Vertragsärzte die weitere Versorgung strukturiert sicherstellen. Ein Beispiel ist ein zeitnaher Termin in der Praxis. Bei der Vermittlung über Portale sollen vorrangig räumlich nahe Praxen berücksichtigt werden.

Aus Patientensicht kommt es darauf an, dass am Ende des Gesprächs der nächste Schritt verständlich ist. Wird noch eine Untersuchung gebraucht? Wer kümmert sich darum? Welche Informationen sollen zum nächsten Termin vorliegen?

Gerade bei chronischen Erkrankungen sollte zudem die bisherige hausärztliche Betreuung einbezogen werden, soweit das möglich und erforderlich ist. Ein einzelner zusätzlicher Arztkontakt beantwortet noch nicht die Frage, wer den Verlauf auf Dauer begleitet.

Welche Rolle Apotheken übernehmen können

Ein digitaler Termin setzt voraus, dass Menschen ihn auch wahrnehmen können. Ein geeignetes Gerät, eine stabile Verbindung und ein vertraulicher Gesprächsort sind dafür nötig. Hinzu kommt die Fähigkeit, die Technik selbstständig zu bedienen.

Wer dabei Unterstützung benötigt, kann von einem Angebot in einer erreichbaren Apotheke profitieren. Wie die ABDA zur assistierten Telemedizin erläutert, richtet sich das Angebot insbesondere an Menschen ohne geeignetes Gerät oder mit Bedarf an praktischer oder technischer Hilfe. Die Apotheke stellt den Zugang bereit und unterstützt bei der Nutzung. Die ärztliche Beurteilung und Behandlung übernehmen die zugeschalteten Ärztinnen und Ärzte.

Damit das funktioniert, muss die Unterstützung im Apothekenalltag eingeplant sein. Eine eingewiesene Ansprechperson braucht Zeit, den Ablauf zu erklären und bei technischen Schwierigkeiten zu helfen. Für das ärztliche Gespräch muss ein Raum zur Verfügung stehen, in dem andere weder mithören noch auf den Bildschirm sehen können. Auch sollte für Patienten verständlich sein, welche Hilfe sie vom Apothekenteam erhalten und welche Fragen sie mit dem Arzt besprechen.

Wir bei MEDIVISE entwickeln Telemedizinlösungen für Apotheken und begleiten die räumliche Planung, die ärztliche Anbindung und die Vorbereitung der Teams. Anforderungen an Räume, Aufgabenverteilung und Organisation erläutert unser Whitepaper zur assistierten Telemedizin.

Nitsches Beitrag erinnert daran, woran sich diese Arbeit messen lassen muss. Ein unterstützter Videokontakt kann eine bislang schwer erreichbare ärztliche Beratung ermöglichen. Die Sorge, dauerhaft ohne betreuende Praxis zu bleiben, reicht darüber hinaus. Wer Telemedizin als Beitrag zur Versorgung plant, muss deshalb auch dafür sorgen, dass die weitere Betreuung geklärt ist.